Sicherheitstraining (SIKU/ SIT/ SIV) am Walensee

Die erste Frage, wenn man diese Bilder sieht: „Muss ich mir das wirklich geben“? Meine Antwort nach dem SIKU: „ja, du solltest“! „Und warum“? „Nicht weil es sonderlich viel Spaß macht (das auch), sondern da es dich extrem weiter bringt“.

Bei mir beginnt seit dem Gleitschirm Sicherheitstraining am 15./16. Juni bei X-DreamFly, unter der Leitung von Daniel Loritz, Paragliding 2.0. Nicht, weil ich die ganzen Schweinereien „überlebt“ habe, sondern da ich erst jetzt die Grenzerfahrungen unter meinem Chili3 gemacht habe und meinen Flügel besser kenne. Egal ob A, B, C oder D-Klasse. In jedem Gleitschirm steckt eine Drecksau die sich bei dem einen Modell früher, bei dem anderen später zeigen kann. Bei der A-Klasse und den Lowlevel-B’s zeigen sich die Reaktionen auf Extremflugzustände etwas moderater, vor allem in der Reaktionszeit. Aber bereits die Highlevel-B-Klasse kann sehr anspruchsvoll reagieren – anspruchsvoller als ich es mir gedacht hätte. In dem SIKU waren die Klassen von Lowlevel-B bis Highend C vertreten und jetzt sehe ich in der Klasseneinteilung etwas klarer.

Beginnen wir von vorne. Ich habe mich dieses Jahr relativ kurzfristig bei Dani Loritz für ein Wochenend-Sicherheitstraining angemeldet. Er war so freundlich und hat mich in einem Club-SIKU des Gleitschirmvereins Heuberg-Baar untergebracht. Wir waren etwa 12 Mann, die etwas mehr über die Grenzen ihrer Fluggeräte erfahren wollten. Die Truppe war in der Alters- und Schirmklassenstruktur sehr durchwachsen und alle Jungs waren total angenehm und super Trainingspartner. Um 8:00 Uhr trafen wir uns im Hotel Churfürsten in Walenstadt am Walensee. Die Anreise machte ich heuer mit meiner Family und einem Wohnmobil mit Ziel Campingplatz Walenstadt. Dieser Campingplatz ist sicher ein Kapitel für sich – aber hat in diesem Bericht nichts verloren 🙂

Nach einer kurzen Vorstellrunde wurden wir mit Dani Loritz und seinem Team (Geri, Dany und Dani’s Frau + Kinder) vertraut gemacht. Erst einmal plauderten wir über grundsätzliches wie Schirme, Gurtzeuge und deren Einstellung, Flugstile und zu guter Letzt über die Manöver die wir am ersten Tag fliegen sollten: Nicken bis zum Einklappen, Frontklapper, Ohren anlegen (Small & Big), B-Stall und seitliche Klapper über 70% – gehalten mit Spiralsturz und anschließender Stabilisierung/ Ausleitung (das wohl wichtigste sicherheitsrelevante Manöver). Dani hat uns die Manöver im Paratrainer vorgemacht und uns auf die richtige Ausführung vorbereitet.

Nach einem 5-minütigem Fußmarsch zum Landeplatz, neben den Sportplätzen am Walensee, ging es nach kurzer Einweisung mit dem Shuttlebus zum Startplatz (Alpe Schrina), der auf ca. 1300 Höhenmetern liegt. An diesem Wochenende war viel Verkehr am SP/ LP und in der Luft, da der ansässige Gleitschirmclub Spitzmeilen Saisonauftakt mit Testival feierte. Dany Flohr wies uns am SP ein und machte die Startleitung, während Geri im Boot auf dem See saß, Dani’s Frau die Kamera bediente und Dani selbst am Funk die Anweisungen gab (später war dann auch noch Geri am Funk).

Ich startete als Nr. 3 und war ziemlich nervös. Nicken bis zum Klappen zum Warmwerden? Prost, Mahlzeit. Ach ne, zum Warmwerden haben wir noch Twists und Kopfstände im Gurtzeug gemacht – nett. Dani gab, wie in seiner Art berühmt, ganz klare Anweisungen was zu tun war. „Zieh, zieh, zieh, zieh und loslassen, waaaarten – Zieh, zieh, zieh, zieh, Powerfull und loslassen, waaaarten …“! Und bamm, klappte mein Chili massiv vorne ein. Mich haute es durch die Luft, kurz mal eingetwistet und rund ging’s… zum Warmwerden genau das, was ich mir gewünscht hatte! Bis ich erst einmal begriff, wie und wo ich mich im dreidimensionalen Raum befand, war schon beinahe wieder alles vorbei. Dann gleich noch mal einen Frontklapper gezogen und direkt im Anschluss einen fetten Seitenklapper. Über drei Flüge hinweg wurden wir in die Schweinerein eingewiesen, wobei der Schwerpunkt auf dem einseitigen, gehaltenen Klapper mit anschließendem Spiralsturz und deren Stabilisierung und Ausleitung lag. Die Klapper aus Trimmspeed waren verhältnismäßig harmlos. Der Chili3 lässt einem ausreichend Zeit um ein Wegdrehen zu verhindern. Aus dem zu 100% beschleunigten Flug heraus sah die Sache allerdings GANZ anders aus. Beschleuniger voll durchgestreckt, A-Gurte brachial heruntergerissen und „bamm“ haute es die Kiste über einem weg, als träge Masse schoss der Pilot nach vorne. Mist, ich hatte vergessen die Beine sofort nach dem Klapper aus dem Beschleuniger zu nehmen – und noch einmal machte es „bam“ und die Kiste kam nach vorne geschossen und lies mir kaum noch Zeit zu reagieren. Verhänger und abwärts ging die Post. Anweisung am Funk: „stabilisieren und Verhänger öffnen“. Das hatte dann gerade noch ausgereicht um den Landeplatz zu erreichen. Zum Ende eines jeden Manöver sollten wir stets den Stallpunkt erfliegen. Ordentlich Bremsen, bis der Flügel abschmieren will (weich wird) und dann wieder rasch loslassen.

Nach drei Durchgängen trafen sich die 13 Mann + Crew wieder im Hotel Churfürsten zum De-Briefing. Jetzt wurden die coolen HD-Videos analysiert und teilweise auseinander genommen. Wer hat wie und warum reagiert. Diese Analyse war extrem wichtig um visuell zu begreifen was dort oben eigentlich abgegangen ist. Sehr auffällig waren unsere Liegegurtzeug-Flieger. Kaum ein Manöver ohne zu vertwisten! Echt krass, wie schnell die Kajaks durch ihre breite Angriffsfläche im Wind herumwirbelten. Spätestens hier und jetzt wurde ich in meiner Meinung zum Thema Liegegurtzeug bestätigt. Da trage ich lieber eine lange Unterhose mehr, als diese blöden Vertwister in Kauf zu nehmen. In Bodennähe klaut einem das Enttwisten enorm viel Zeit und trägt sicherlich nicht dazu bei heiler am Boden anzukommen.

Den Abend hatten wir alle zusammen grillend auf dem Campingplatz ausklingen lassen. Bei wenig Bier, da uns bewusst war, was morgen auf uns zukommen würde – harte Arbeit!

Die Aufgaben für Tag 2 sahen wie folgt aus: Strömungsabrisse. Fullstall erfliegen, Flügel negativ einseitig abreißen (Negativdrehung) und 180° drehen lassen und dann wieder in den Fullstall bringen. Verhängertool anwenden und dann durfte jeder noch Wunschmanöver fliegen – bei mir waren es die Wingover. Diese Flugfigur finde ich optisch einfach nur total ästhetisch (wenn sie dann mal richtig hoch sind). Mein erster Fullstall ging erst einmal in die Hosen. Es war zu Beginn gar nicht so einfach, die Hände mit den Bremsen nach Abriss des Flügels gleichmäßig unten zu fixieren. Die Arme wurden automatisch hochgerissen, wenn man nicht mit ordentlich Druck dagegenhielt. Mein Chili hatte sich während des Fullstalls eine Krawatte eingefangen. Das ist nicht nur ein Verhänger, sondern ein Einschlaufen des Flügelendes um eine Leine – Mahlzeit. Um diese Schweinerei aufzulösen blieb mir mich mehr ausreichend Höhe (falls es überbaupt möglich gewesen wäre). Dani am Funk: „Nicolas, des isch jetzt wiä en 6er im Lotto. Das han ich so ätz noch nie erläbt.“ Geri machte schon mal das Boot startklar und Dani gab mir Instruktion, den Flügel im Geradeausflug zu stabilisieren und zuzusehen, ob ich es noch bis über Land schaffe. Mit 2km/h Rückenwind konnte ich mit dem Verhänger noch recht easy auf der Wiese neben dem See landen. Lerneffekt: enorm, geil! Wo passiert einem so etwas schon in freier Wildbahn? Bei Flug Nr. 2 klappte der Fullstall dann aus der Negativdrehung auf Anhieb, ganz ohne irgendwelche Schweinereien.

Die Strömingsabrisse zu erfliegen ist auch ein enorm wichtiges Tool. Gerade beim Ausdrehen enger Thermiken oder im Landeanflug sollte man stets auf das Weichwerden des Flügels achten (auch wenn man den Chili3 fast nicht abreißen kann!!!). Meinen letzten Flug widmete ich dem Wingovern. Mit enormer Körperverlagerung kam ich endlich mal über den gewissen Schweinehund-Punkt hinaus, an dem ich sonst immer wegen Ungewissheit über „was kommt danach“ ausgeleitet habe. Das A und das O bei hohen und sicheren Wingovern ist die Körperverlagerung – und diese muss brachial sein! Wenn der Flügel aufgrund zu geringen Stützens mal einklappt, einfach weiter machen mit den Wingovern – die Kappe geht ohne große Konsequenz wieder auf, wenn sie im Rhythmus bleibt. Meinen letzten Landeanflug nahm ich mit einem unheimlich guten Gefühl sehr bewusst wahr. Ich hatte für diese zwei Tage keine offenen Fragen mehr und konnte endlich die Eckpunkte meines Chili3 kennenlernen und vor allem er(fliegen)fahren. Im Vergleich mit anderen Highlevel-B Schirmen, z.B. dem Blacklight von U-Turn (der auch am SIKU teilnahm. Videos siehe am Seitenende), schneidet er vergleichsweise gut und brav ab. Er lässt dem geübten Piloten ausreichend Zeit um rechtzeitig zu reagieren. Der Stallpunkt kommt extrem spät und der Pilot hat genügend Weg auf der Bremse! Er ist sicherlich kein harmloser Flügel – für sein Segment und seine hervorragende Leistung aber ein sehr ausgewogenes Gerät ohne ein Wolf im Schafspelz zu sein. Selbst Dani Loritz, der den Chili 3 ausgiebig getestet hat, ist großer Fan von ihm und spricht von einem sehr gelungenen und ausgewogenen Flügel mit guter passiver Sicherheit.

Das letzte De-Briefing am Sonntagabend war auch noch einmal sehr interessant. Vor allem hatte keiner unserer Truppe noch offene Fragen! Leider habe ich die Speicherkarte meiner GoPro an diesem letzten Tag irgendwo verloren, so dass es „nur“ das Videomaterial von X-Dream-Fly gibt 🙁

Ich persönlich nehme folgendes für mich aus dem SIKU mit:

  1. es ist OK, „kippelig“ im Gurtzeug zu sitzen (Brustgurt auf), mit ca. 35°-45° Neigung. Dabei kann ich meinen Flügel immer beobachten und fliege aktiv mit meinem Körpergewicht
  2. Flügel, Horizont, Umgebung und Boden im Flug IMMER beobachten. Wie der Blick im Rückspiegel
  3. Fliegen mit Körperverlagerung ist das A und O
  4. ich kenne nun beinahe alle „unangenehmen“ Flugzustände und weiß darauf zu reagieren. In ausreichend Höhe habe ich Zeit mich darum zu kümmern. Ansonsten Rettung raus!
  5. Wer die Rettung wirft ist der HERO!
  6. Ich kenne die Eckdaten meines Chili3 – und das gibt mir ein sehr gutes Gefühl

Ist ein SIKU zu empfehlen? Ja, definitiv und sollte sogar ein MUSS für jeden Piloten sein. Was uns in den Flugschulen beigebracht wird ist grob fahrlässig (wirtschaftlich verständlich). Denn kein Fluglehrer weist einen auf Extremflugzustände/ Schweineien hin und auf die jeweils adäquate Reaktionen darauf. Nicht einmal das Thermikfliegen wird einem beigebracht. Das SIT bei Dani Loritz ist meines Wissens das einzige, das sich von den Regeln des DHV löst und Manöver enthält, die einem in der Realität begegnen können. Z.B. der große gehaltene Seitenklapper (über 70%) mit Spiralsturz wird einem nirgendwo beigebracht und ist Todesursache Nr. 1 in unserem Sport. Wer hier richtig reagiert hat nicht nur viel gelernt, sondern auch wirklich etwas für seine Sicherheit getan! In Standard-SIKU’s wird lediglich ein DHV-Klapper um die 50-70% gezogen und wieder losgelassen – und alle Piloten gehen mit dem Gefühl nach Hause: „Mein Schirm ist brav und reagiert total harmlos“. Jeder Schirm kann zur Drecksau werden, auch die A-Klasse – und das sollte uns stets bewusst sein. Meine Schirmklasse wähle ich daher neben der Leistung eher nach meinem Reaktionsvermögen und natürlich nach meinem Gefühl in Sachen Handlingssicherheit. Also Leute, scheut nicht die angebotenen Sicherheitstrainings – und wer wirklich etwas davon haben will, der geht zu Dani Loritz und seiner Mannschaft. Denn nur dort bekommt ihr ein ungeschöntes Bild von euren Kisten und stoßt an eure wahren Grenzen. Den Chili3 kann ich als Nachfolger der Dreammachine getrost weiterempfehlen, da er Leistung und Sicherheit in einem Gerät vereint, wie meines Erachtens kein zweiter Flügel es schafft (siehe auch aktuelle DHV-Ausgabe).

Hier ein paar Vergleichsvideos vom U-Turn Blacklight:

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