Liegegurt VS Sitzgurt

Immer mehr vollverkleidete Liegegurtzeuge sind in der Luft unterwegs. Einst sichtete man diese Kajaks zumeist unter den hoch gestreckten Sicheln – heute hängen diese bereits unter den Matratzen der A-Klasse. Wohin wird die Reise gehen?

Ich habe mir selbst nach großer Neugier vor gut 1,5 Jahren ein vollverkleidetes Leicht-Liegegurtzeug der 5 Kg-Klasse zugelegt. Die anfängliche Euphorie ist allerdings immer mehr erloschen. Dies ist sicherlich eher ein Einzelproblem, wie sich später noch herausstellen wird, jedoch sollte man wohl über eine Anschaffung nachdenken. Welche Vorteile hat ein Liegegurtzeug gegenüber dem klassischen Sitzgurt – und welche Nachteile birgt es? Wenn man sich die nachfolgenden Listen ansieht, sollte man eigentlich klar sehen:

Vorteile eines vollverkleideten Liegegurtzeugs:

  1. bessere Aerodynamik
  2. bequeme Sitzposition (wenn richtig eingestellt)
  3. länger anhaltende Wärme an den Beinen und im Körperzentrum
  4. gute Platzierung meiner Flugelektronik auf dem Cockpit
  5. (cooles Aussehen – meint das Ego)

Nachteile eines vollverkleideten Liegegurtzeugs:

  1. anspruchsvoller bei Start und Landung
  2. höhere Eintwistgefahr gegeben durch den Schwerpunkt und die geringe Pendelstabilität
  3. sehr viel kippeliger in Turbulenzen
  4. Beine können NUR ausgetreckt sein. Ein Anwinkeln ist zwar möglich aber auf Dauer unbequem und wenig effektiv (erhöhte Angriffsfläche im Wind)
  5. eingeschränkt in der Stuerung mittels Gewichtsverlagerung (teils fehlendes Sitzbrett, bzw. duch Liegeposition -> gestreckte Beine)
  6. bei falscher Einstellung auch Aerodynamisch eher kontraproduktiv
  7. fehlende Sicht nach vorne unten
  8. permanent ausgestreckte Beine – bei vielen Gurtzeugen rutscht man aus dem Sitz, wenn man die Beine nicht streckt

Diese Liste liest sich in Bezug auf die Pro’s von Liegegurten eiegentlich eher schlecht – aber warum fliegen dann doch so viele mit den Kajaks durch die Gegend? Die Gleitzahl kann sich allerbestenfalls um 0,5 bis 1 verbessern (wenn sie sich durch Fehleinstellung nicht verschlechtert). Natürlich ist das nicht übel – nur welcher Ottonormalflieger nutzt das schon? Wer mit einem Liegegurt mal ruppige, enge Schläuche ausgedreht hat, der weiß, dass dies überhaupt keinen Spaß macht. In exrem engen und trubulenten Bärten muss ich mit sehr viel Gewichtsverlagerung und wohl dosierter Bremse arbeiten. Das ist mit einem Liegegurtzeug unheimlich anstrengend und wenn das Kakak mal so richtig schaukelt, ist die Gleitzahl auch dahin.

Mir persönlich hat das andauernde überstrecken der Knie auf Dauer irgendwann in den Kniekehlen weh getan. Mein längster Flug dauerte etwas über 5 Stunden. Wenn mann dann noch mit ekligen Bärten zu kämpfen hat, müssen Bauchmuskeln und Oberschenkel auch noch gut herhalten. Ist es den Preis für etwas gehobeneren Komfort wirklich wert? Diese Frage stellte ich mir vor gut einer Woche zum letzten Mal und habe mein Impress 3, das sicherlich die S-Klasse unter den Liegegurtzeugen ist, kurzerhand wieder verkauft. Für mich die ideale Alternative ist ein Sitzgurt, der 3/4 liegend eingestellt werden kann und über einen Beinstrecker verfügt. Somit kann ich selbst entscheiden, wann ich meine Beine ausstrecken möchte und wann lieber kompakt anziehe! Außerdem kann ich meine Manöver wie Wingover und Spiralen im Sitzgurt viel einfacher trainieren und fühle mich dabei auch besser.

Die Kajaks sehen irgendwie gut aus und ich finde einen gestreckten Schirm mit einem Gurtzeug in Pfeilform auch wirklich schön anzusehen. Das hat auch damals mein Interesse geweckt. Und wer tatsächlich so richtig auf Strecke geht und 150km + x fliegen möchte, der tut sicherlich gut daran, einen Liegegurt zu fliegen. Aber alle anderen gehen meines Erachtens große Kompromisse ein und tragen lediglich Sorge dafür, dass dieser Hype weiterhin aufrecht gehalten wird. Aber jedem das Seine und wer lieber seinen Abgleiter am Hausberg vollverkleidet absolvieren möchte, soll auch seinen Spaß daran haben – denn genau darum geht es in diesem Sport – und mir hat der Spaß in letzter Zeit irgendwie gefehlt. Für mich ist der Komprimiss zu groß für das bisschen Streckenfliegen, was man über’s Jahr tatsächlich auf die Reihe kriegt.

Aber ich empfehle jedem es einfach auszuprobieren – dann hat man am Ende schon nicht das Gefühl, irgendetwas verpasst zu haben 😉

This Post Has 7 Comments

  1. der Bjrn sagt:

    Hallo Nicolas, ich bin ja noch immer der Meinung, dass ein Performance-Training mehr Gleitzahl bringt als ein neuer Schirm oder neues Gurtzeug. Und das bei gleichzeitiger Risikominimierung 🙂

  2. Hacki sagt:

    Hallo Nicolas!

    Deinen Bericht finde ich sehr gut, ich finde mich darin absolut wieder. Fliege im 7. Jahr immer noch sitzend und mein Hauptargument gegen ein Gurtzeug mit Vollverkleidung: Ich will beim Fliegen die Beine anwinkeln. 5 Stunden rumzufliegen mit gestreckten Beinen kann und will ich einfach nicht machen. Der Wechsel aus Streckung (beim beschleunigen) und Beugung finde ich sitzend sehr gut.

    Man wird ja von den Fliegerfreunden fast schon zur Rechtfertigung genötigt, warum man immer noch sitzend fliegt. Aber der Hype scheint unaufhalsam. Aber ich will da selbst auch keinen bevormunden, jeder muss den für sich passenden Gurt finden. Ich bin sitzend auf Strecke immer noch zufrieden unterwegs.

    Viele Grüße,
    Hacki

  3. Hi Nico
    auf der DHV-Page steht ein Bericht, welcher sich mit deinen Erfahrungen absolut deckt. Ich hätte auch fast aus einer Winterflautenlaune heraus ein X-Alps GTO (XL) erstanden. Dann meine letzten beiden Flüge (24.3 und 7.4.)v waren Hammertage bei minus 10 Grad auf 1400Meter im Schwarzwald, auf Rush3 …… (Baumlandungen, Klipp – Klapper, 5 Meterbärte ect….. ). Ganz ehrlich…! Ich war um mein 3/4 Gutszeug SupAir EVO XC2 mehr als dankbar (mit Beinstrecker). Mit meinen 55 Jahren werde ich nicht mehr der große Streckencrack werden können. Meine Devise heißt darum: Mit Restsicherheit Spass am Fliegen.
    Danke für deinen Beitrag und Grüßle aus Baden Baden
    Werner Becker

  4. Baschi sagt:

    Hallo Nico

    Für welches Gurtzeug hast du dich denn jetzt entschieden?

    Grüsse
    Baschi

    • Nicolas sagt:

      Hi,

      ich teste demnächt das Success 3 von Advance – das ist mein Favorit. Zusätzlich habe ich das Flex von Skywalk zum Testen bestellt (als Wandergurt).

  5. Jonathan sagt:

    Das Success 3 von Advance habe ich mir auch zugelegt und nach einem Jahr Gebrauch ist es leider kaputt gegangen 🙁 Kannst du eine gute Alternative vorschlagen?

    Grüße

    Jonathan

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