Spieglein, Spieglein an der Wand, welcher Schirm ist der Beste im ganzen Land…

Das Thema Leistung und Sicherheit ist im Augenblick wohl so präsent wie noch nie. Ob in den einschlägigen Gleitschirmmagazinen, in der Werbung oder in Foren im weltweiten Netz – widmet man sich dem Thema Gleitschirmfliegen etwas intensiver, so kann man sich diesen Themen kaum entziehen.

Es fängt dabei an, welcher Schirm für welchen Pilotenanspruch geeignet ist und endet damit, wer den leistungsstärksten Flügel seiner Klasse fliegt. Was meines Erachtens dabei völlig missachtet wird ist, dass a) die aller wenigsten Piloten wissen, was ihr tatsächlicher Kenntnisstand ist (wo gibt es eine Skala, Referenz?) und b) kaum einer die marginalen Leistungsunterschiede der verschiedenen Schirme nutzen kann und vor allem benötigt. Die breite Masse tummelt sich am Hausberg, fliegt ein paar Dutzend mal im Jahr und nur die wenigsten widmen sich dem Sport so hingebungsvoll, dass sie mit ihren Segeln auf längere Strecken gehen. Und selbst unter den wenigen Streckenfliegern spielt es im Grunde überhaupt keine Rolle, ob man eine Gleitzahl von 8 oder 9,5 erreicht. Wer keine ausgeprägte Flugtechnik gepaart mit viel Flugerfahrung besitzt, kann im Grunde einen schnellen A Flügel oder einen B für seine Aufgaben fliegen. Nur im direkten Vergleich, das heißt beim Zusammenfliegen mit anderen, können evtl. Unterschiede festgestellt werden – aber auch nur dann, wenn alle die selben Bedingungen haben und gleich „gut“ sind. Die Frage ist dann allerdings – was habe ich von so einem Vergleich? Das höher klassifizierte Gleitschirme mehr Spaß machen können, da mehr Leistung und meist knackigeres Handling, steht auf einem anderen Blatt. Darüber möchte ich heute aber nicht sprechen.

Die Frage muss lauten: Spieglein, Spieglein an der Wand, welcher Schirm ist der richtige in meiner Hand

WingoverUm zum Pilotenanspruch zurück zu kommen – wer legt denn fest ob und wann ein Pilot gut ist? Mal abgesehen davon, ob man ein gutes Gefühl für sein Gerät besitzt, Starts und Landungen gut beherrscht und immer weit oben mitfliegt da man das Prinzip der Aufwinde verstanden hat. Meines Erachtens weiß ich erst wirklich in Notsituationen, wie gut ich tatsächlich in der Luft bin. Denn gerade in diesen Situationen muss ich mein Können unter Beweis stellen und abrufen können (falls etwas zum Abrufen vorhanden ist!). Hier geht es schließlich um mein Leben. Das ist wie beim Autofahren. Gas geben können alle – nur wie reagiere ich, wenn ich plötzlich einem Hindernis ausweichen muss. Der eine reißt das Lenkrad panisch um, der andere bremst gelassen und handelt der Situation angemessen. Ähnlich verhält es sich in der Luft. Wenn es meine Kappe zerlegt habe ich nicht viel Zeit nachzudenken – ich muss handeln. Entweder mit Gelassenheit (nichts tun, vor allem nichts falsches) oder mit einem beherzten Eingriff. Diese Situationen kann ich in einem Sicherheitskurs trainieren (ich bin im Juni am Gardasee!) oder ich reagiere von Haus aus intuitiv richtig, weil ich zum einen im Bilde bin was gerade abgeht, und zum anderen die richtige Reaktion darauf im Gefühl habe. Und dabei sollte jeder Pilot zu sich ganz ehrlich sein, wie er sich auf der virtuellen Skala einordnet.

Das bildet eine der wichtigsten Grundlagen für meine Gerätewahl – und nicht welcher Gleitschirm am besten leistet oder welcher der neuen Flügel im Magazin Thermik mit weichgespülten Testberichten beschönigt dargestellt wird. In der Thermik schließen ALLE Flügel mit einem positiven Ergebnis ab – wonach soll ich mich da orientieren? Die Einstufung der Klassen (z.B. B1, B2, B3) ist sicher ein guter Weg, um den Piloten bei einer Neuanschaffung die erste Richtung zu weisen. Aber es kommt eben nicht nur auf die Tests anderer drauf an, sondern vor allem auf mich selbst. Ich kann nur dann gut fliegen, mich richtig verhalten und save fühlen, wenn das Gerät zu mir passt und auch mein Feeling (Bauch) sagt: „Geil, das isses, hier fühle ich mich wohl!“. Und hier stehen wir vor dem nächsten Problem.

Wem sagt welcher Flügel mit welchem Handling zu? Der eine mag eine eher leichtgängig, direkte Bremse (wie z.B. beim Chili 3), der andere bevorzugt es hart mit kurzen Bremswegen. Pilot A bekommt sein Feedback lieber über die Bremse, Pilot B steht auf mehr Feedback über den Tragegurt… herausfinden kann ich das aber nur, wenn ich vergleiche! Ich kann jedem Flieger nur empfehlen, mal einen C/D-Schirm bei einem morgendlichen Abgleiter in ruhiger Luft zu fliegen. Einfach um zu wissen, was es alles so gibt von A bis D (keine Angst, der klappt nicht gleich ein!). Was man für sich letztendlich am geeignetsten findet, kann man nur so herausfinden und sollte dies mit seinem Kenntnisstand abgleichen. Erst viel später muss ich mir Gedanken darüber machen, ob die Leistung für meine Streckenaufgaben ausreichend ist – und das ist sie mit Sicherheit auch im unteren B-Segment oder sogar im A-Segment – auch wenn sich das die wenigsten eingestehen möchten!

Warum fliege ich einen Highend B Intermediate? Ich habe meine Gerätewahl von vielen Seiten beleuchtet. Was sind meine Ziele, was bereitet mir am meisten Freude? Hier sind wir übrigens wieder beim Thema SPASS, FREUDE am Fliegen! Ich habe von A über B und C, bis D alles ausprobiert. Ich kann mir eine Meinung über die Klasseneigenschaften bilden und für mich, und meine Vorhaben, ist das obere B-Segment der ideale Mix und im Augenblick absolut ausreichend. Ich möchte ein feines Handling, ein tendenziell agiles Kurvenverhalten, ausreichend Leistung für meine Ziele (wobei es mir hierbei nicht um eine Gleitzahl mehr oder weniger geht) und ein ehrliches Maß an passiver Sicherheit – also keinen völlig ausgereizten Schirm. Ich weiß meinen Kenntnisstand recht gut einzuordnen und werde diesen demnächst  in einem SIKU abgleichen.

Das sind meine Beweggründe für den Kauf des richtigen Modells – und nicht die Bewerbung einer Gleitzahl von 10+ im B-Segment. Hersteller mit einem ehrlichen Angebot haben es nicht nötig, so plakativ auf Ihr Produkt aufmerksam zu machen – auch wenn es offenbar den Nerv der Zeit trifft (und gar nicht stimmt).

Ich möchte nicht alle Piloten über einen Kamm scheren. Viele fliegen lediglich aus purer Lust und Leidenschaft am Fliegen – und genau das sollte bei uns allen im Vordergrund stehen – und nicht nur der Hype nach immer schneller, immer leistungsfähiger und immer leichter. Wobei dieses Streben in gesundem Maße selbstverständlich die unerlässliche Triebfeder einer stetigen Weiterentwicklung ist …

This Post Has 4 Comments

  1. Toni sagt:

    Bin völig Deiner Meinug.Wer von den Normalfliegern kennt schon seine eigene Leistung.
    Auserdem soll jeder seines Alters bewust sein und sich entsprechen auf Schirm und Witerung einstelen.Lieber einen sicheren Schirm alls einen Hochleister.Dann wird er auch spass am fliegen haben.

  2. Kari sagt:

    Bin völlig anderer Meinung 🙂
    Die einzige Leistungsbewertung eines Gleitschirmes sind Messwerte! Natürlich ist hier die Gleitzahl nur EIN Faktor. Minimal- und Maximalgeschwindigkeit, gemessen nach einer Norm, sind nützlich. Handlingangaben sollten ebenfalls nur nach Messnorm bewertet werden. Individuelle Vorlieben und Gefühlsäusserungen von Star- und Testpiloten sind wenig sinnvoll.

  3. Koost sagt:

    Hallo. Ich bin Peter (56 Jahre) und habe im Jahr 2016 meinen A und B . KURS gemacht. Mein Schirm ist ein Advance Alpha 6 31. Er ist schon sehr gut zum starten und zum landen. Hast Du Erfahrungen mit diesen Schirmen? Ich fliege den Schirm recht gerne, vermisse etwas die Wendigkeit. Ich komme aus dem Münsterland und möchte hier gern Streckenflug machen. Ich bin mir nicht ganz sicher ob dafür so ein Schirm reicht? Ich habe noch keine Flachland Erfahrung da ich meine Ausbildung in Österreich gemacht habe.Über eine Antwort würde ich mich freuen.

    • Nicolas sagt:

      Hallo Peter, bis du einen A-Schirm ganz ausreizt kannst du den noch getrost eine Weile fliegen! Streckenfliegen geht mit jedem Schirm, außer du schaust extrem auf Geschwindigkeit (was ich nicht glaube). Im Flachland kann man mit einem A-Schirm besser auf Strecke gehen als in den Alpen! Du fliegst in der Regel mit dem Wind (daher ist der Speed egal) und du hast keine Talquerungen bei denen du hoch ankommen musst. Wenn du etwas agileres suchst, könntest du mal im Lo-B Bereich nachsehen… LG Nico

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